
Sportweltverlag
Sportbücher
für Anspruchsvolle
Marvin
Running
Autor des Buchs
Vorstellen möchte ich mich selten und
ungern, denn wem bin ich schon willkommen? Und ›innerer
Schweinehund‹ ist eine wirklich widerliche Wortschöpfung. Mein
Herrchen und Auslöser dieser ganzen Misere nennt mich ›Marvin‹,
in Anlehnung an den depressiven, kleinen Roboter aus der Romanserie
von Douglas Adams.
Also gut, dann: Ich bin Marvin, Schweinehund, innerer, gefangener,
getretener, mit Füßen, die in Laufschuhen stecken. Nun ist es raus.
Leseprobe:
Grand
Canyon: Augen blau und durch
Ich bin ein
Schweinehund. Und das ist gut so. Jedenfalls war es das bis vor
einiger Zeit. Aber jetzt ist alles anders. Jetzt liege ich auf der
Couch. ›Narrative Therapie‹ nennt es der Doc. Das beste Mittel
gegen eine posttraumatische Belastungsstörung.
»Wieso
posttraumatisch?«, habe ich gefragt. »Ich stecke doch noch mitten
drin.«
»Aha«, meinte
er nur. »Fang trotzdem an.«
Ich weiß sehr
genau, wo ich anfangen muss. Aber zuerst werde ich mich wohl oder übel
vorstellen müssen. Das tue ich ebenso selten wie ungern, denn wem bin
ich schon willkommen? Außerdem ist ›innerer Schweinehund‹ eine
wirklich widerliche Wortschöpfung. ›Dirigent‹ hieße ich gern,
›Bonvivant‹ oder meinetwegen auch ›Dr. Feelgood‹. Ganz
notfalls auch einfach ›Es‹, so wie von Doc Freud geprägt.
Mein Herrchen und
Auslöser dieser ganzen Misere nennt mich ›Marvin‹, in Anlehnung
an den depressiven, kleinen Roboter aus der Romanserie von Douglas
Adams.
Also gut, dann:
Ich bin Marvin. ›Es‹, Schweinehund, innerer, gefangener,
getretener, mit Füßen, die in Laufschuhen stecken. Nun ist es raus.
Und ich kann anfangen.
»Es geht,
schau mal, Marvin!«, gluckst er wie ein Huhn, das gerade sein erstes
Ei gelegt hat.
»Warum?«, maule
ich.
»Ich muss dir
etwas zeigen. Und werd nicht gleich bleich, das hier wird dir
gefallen!«
»Bestimmt nicht«,
hauche ich.
Meine
Stimmungslage ist ihm wie immer völlig egal. Er fährt fort: »Hier,
der Südrand des Grand Canyon. So weit kommt man mit dem Auto heran.
Wenn man von hier aus den Nordrand auf der anderen Seite erreichen
will, muss man diesen riesigen Umweg fahren.« Sein Zeigefinger fährt
auf der Karte den riesigen Umweg nach. »Aber hier!« Sein Zeigefinger
stoppt am Nordrand und fährt dann einmal kurz direkt nach Süden. »Mitten
hindurch ist es ein Zehntel der Strecke, nur dreißig, höchstens
vierzig Kilometer.«
»Sensationell«,
gebe ich zurück. »Dass vor dir noch niemand darauf gekommen ist!
Klar, wir fahren einfach mitten durch. Hoffentlich kriegen wir keinen
Ärger, wenn wir mit Fallgeschwindigkeit von oben in den Abgrund stürzen.
In den USA darf man bestimmt nur mit maximal 60 Meilen pro Stunde den
Möllemann machen.«
»Marvin«,
schilt er. »Das ist nicht politisch korrekt.« Als ob mich das
interessieren würde. »Und wer redet von fahren?«
»Ich dachte…«
Ich stocke, während das Entsetzen von mir Besitz ergreift. »Du
willst da durch gehen?«, hauche ich schließlich.
Jetzt fangen
seine Augen an zu funkeln. »Nicht gehen, Marvin. Wir laufen hindurch.
Vom Südrand zum Nordrand, in einem Rutsch. Ist das nicht toll?«
Ich schweige wie
vom Donner gerührt.
»Um das zu
schaffen, werden wir das Training ein wenig intensivieren müssen,
Marvin.«
Es ist der 24.
November. Ein ganz normaler Tag. Aber ab heute wird nichts mehr, wie
es mal war. Sechs Monate sind es, bis uns der nächste Familienurlaub
am Grand Canyon vorbeiführen wird. Sechs Monate, in denen er Wege
beschreitet, die ihn weitab der Grenzen von Normalität und Alltag führen.
Sechs Monate, in denen ich erfolglos versuche, ihm dieses
vernunftbereinigte Vorhaben auszureden.
Viel zu aufwändig
wäre es, den Horror dieser Zeit in allen Facetten wiederzugeben. Drei
Fallbeispiele reichen völlig aus, um meine Verzweiflung zu verstehen.
Fallbeispiel
Eins: Training.
Weil wir in
Hamburg wohnen, laufen wir viel an der Alster, häufig nach Feierabend
vom Büro aus, wo wir uns duschen und umziehen können. Und irgendwann
laufen wir dort unsere erste fünfte Alsterrunde. Selbstverständlich,
nachdem wir bereits vier davon intus haben. Mit Rucksack, weil wir den
im Grand Canyon auch tragen werden. Eine Alsterrunde entspricht 7,4
Kilometern. Nach der ersten habe ich gebettelt, nach der zweiten
gefleht, nach der dritten geflennt und in der vierten laut nach Mama
geschrieen, aber er ist weitergelaufen, obwohl seine Geschwindigkeit
(und auch sein Laufstil) mittlerweile so heruntergekommen ist, als
schlurfe er durch ein Becken voller Bowlingkugeln.
Es ist ein
sonniger Abend, und viele Leute sind an der Alster unterwegs. Wir
treffen zum wiederholten Male ein Pärchen, das an der Uferwiese
gegrillt hat. Wir haben bereits gesehen, wie sie den Hinweg
schlenderten, den Grill aufbauten und anheizten, picknickten, den
Rotwein austranken, den Sonnenuntergang anschauten – und jetzt
treffen wir sie auf dem Rückweg. »Oh Gott, die wievielte Runde ist
das denn jetzt eigentlich?«, fragen sie ihn. Er keucht: »Fünfte«
und denkt, dass er sie dabei anlächelt. Aber er verzieht nur die
wenigen Gesichtsmuskeln, die nicht verkrampft sind, in willkürliche
Richtungen; das Ergebnis ist furchteinflößend.
»Ahh...«, macht
sie. »Ähh…«, macht er. Wie sehr ich sie um ihren abendlichen
Alsterausflug beneide! Und wie sehr ich unseren Alsterausflug
verabscheue!
Dass er es mit
diesem Trainingslauf übertrieben hat, ahnt er schon unterwegs, merkt
es aber mit voller Härte erst am Ende der fünften Runde, als wir an
einer roten Fußgängerampel anhalten müssen. Sofort verebbt der
Strom der Endorphine, und bislang eingelullte Schmerzen erwachen mit
einem Aufschrei. Er kann nicht mehr weiterlaufen. Er kann kaum
weitergehen. Etwa 800 Meter haben wir noch bis zum Büro, wo Umkleide
und Dusche warten. Davon schafft er 770. Wir können das Gebäude
schon sehen, aber die Beine können es nicht erreichen, der Schmerz
ist zu groß. Er muss sich auf eine Stufe setzen.
In unseren
Oberschenkeln feiern die freien Radikale gerade Walpurgisnacht. Ein
Griff in die Steckdose würde die Muskeln jetzt wahrscheinlich
merklich entspannen. Nach zehn Minuten kann er sich aufraffen. Aber
schon in der Dusche tragen die Beine erneut nicht mehr, und er muss
sich im Sitzen abseifen. »Und wenn jetzt jemand reinkommt?«, zische
ich.
Das wäre ihm
egal, meint er. Aufstehen könne er jedenfalls noch nicht. Aber gleich
würde es bestimmt besser werden.
Schließlich
schaffen wir es bis nach Hause. Die Kinder sind schon lange im Bett,
Kirsten macht eine eher spöttische Bemerkung über sein
Erscheinungsbild. Das ist ihm wurscht, er trinkt erst einmal
flaschenweise Wasser, frisst alle Reste des Abendbrotes vom Tisch,
dazu den Kühlschrank leer und alle Süßigkeitsvorräte auf und will
sich gerade noch eine Familienpizza mit extra Käse bestellen, als
eine bleierne Müdigkeit von ihm Besitz ergreift.
Beim Einschlafen
merkt er, dass unser Herz schneller und lauter schlägt als sonst.
»Heute haben wir
eine Grenze erreicht, Marvin«, flüstert er andächtig.
»An diese Grenze
will ich nie, nie wieder.«
»Musst du auch
nicht, denn wir werden sie verschieben. Wir erobern das Territorium
dahinter und machen es uns untertan.«